Tückisch lauert der vom Gewitter durchnässte Kammweg über die Veľká Fatra in der trüben Morgenstunde. Um sieben Uhr öffnet die erste Regenpause ein Zeitfenster zur Abfahrt am slowakischen Berggasthof Kráľova studňa. Auf 1375 Meter Höhe wage ich mich in die siebte Etappe meiner Osteuropa-Durchquerung. Der exponierte Bergpfad hatte sich am Vorabend bei einer kurzen Erkundungstour offenbart. Ein schmales Band schlängelt sich über den unbewaldeten Bergkamm. Im warmen Licht des Sonnenuntergangs wirkte der Weg wie eine verheißungsvolle Linie zwischen den Kalksteinfelsen.
Doch heute Morgen verschlucken Wolken die Landschaft. Nach dem Regenguss wird das Unternehmen zur wackeligen Gratwanderung über den nackten Bergkamm. Nur mein Schnaufen und das Knirschen der Reifen durchbrechen die Stille der Hochlage. Im steilen oberen Abschnitt zwingt mich der Respekt vor dem Weg zum Schieben. Die Einsamkeit des Nationalparks Große Fatra verstärkt das mulmige Gefühl – kein Mensch weit und breit. Gnädig verschleiern die heranwallenden Wolken die Abgründe. Laut Wetterapp droht die nächste Gewitterfront um zehn Uhr. Mahnend ruft der Gipfel – jetzt schnell über den Berg! Auf knapp 1400 Kilometern durchquert die Radroute drei Länder: von Tschechiens langgestreckten Höhenzügen über Schlesiens polnische Bergrücken bis zu den wilden Graten der Slowakei. Wie Riesen reihen sich die Gebirgsmassive aneinander – Sudeten und Karpaten wachen über diese stille Traverse durch Osteuropa. Doch jetzt, inmitten der nebligen Wildnis der Veľká Fatra, beschäftigt mich nur die Frage: Bin ich vor dem aufziehenden Gewitter wieder sicher zurück im Tal?
Auf ins Abenteuer
Bereits der Start vor sieben Tagen geriet zum Abenteuer: Hochwasser hatte in Bayern viele Bahnstrecken lahmgelegt. Mit einer improvisierten Kombi aus Zug und Rad erreichte ich spät abends das tschechische Liberec. Am nächsten Morgen schiebe ich um kurz nach acht Uhr das Gravelbike an den neogotischen Türmen des Rathauses vorüber. Eine riesige Fuchsskulptur kündigt die Wildheit der Tour an. Wie abenteuerlich die zweiwöchige Fahrt wird, lässt sich noch nicht abschätzen. Die bedeutendste Stadt Nordböhmens bleibt zurück. Mit buddhistischer Gelassenheit und gleichmäßigem Tritt kurble ich im Isergebirge den ersten Anstieg hinauf. Der Weg führt durch einen majestätischen Fichtenwald, der die kommenden sechshundert Höhenmeter wie ein grünes Gewölbe umschließt. Das Sonnenlicht spitzt durch die Nadeln und die Vögel des Waldes geben ein Konzert. Ein kurzer Spaziergang öffnet überraschend den Blick auf einen herzförmigen Bergsee. Wie ein gewaltiger Spiegel schmiegt er sich in die sattgrüne Vegetation, eingefasst von moosüberwucherten Ufern und Inseln.
Schon nach wenigen Stunden im Sattel hat der Osten mein Herz erobert – seine wilde Natur wird mich Tag für Tag tiefer in ihren Bann ziehen. Neugierig strample ich weiter Richtung Osten, am Kamm der Berge entlang. Um die Waldsiedlung Jizerka erzählen dunkle Holzhäuser mit weißen Fensterrahmen von der Glasmachergeschichte der Region. Vor den traditionellen Bauten erstreckt sich ein Meer aus rosa blühendem Wiesenklee, während gelbe Hahnenfußblüten den Wegrand säumen. Den Höhepunkt der ersten Etappe markiert der Karkonoski Park Narodowy (KPN, Nationalpark Riesengebirge). Dort passiere ich die Quelle der Elbe. In einem schlichten Steinring sammelt sich das klare Wasser. Es begibt sich hier auf seine 1094 Kilometer lange Reise zur Nordsee. Auf 1400 Metern wiegen sich Wollgrasfelder im Wind. Wenige Pedaltritte entfernt bettet sich ein See einem dunklen Auge gleich in die sattgrüne Hochebene. Aus dieser ragen Bergkiefern und tote Baumstämme auf. Die blauen Silhouetten der Berge staffeln sich im Hintergrund, darüber dramatische Wolken, die ihre Schatten in die steil abfallenden Schluchten werfen.
Gebirge über Gebirge
Auf den Etappen zwei und drei geht mein munteres Gebirgsspringen weiter: vom Eulengebirge über das Heuscheuergebirge mit seinen charakteristischen Sandsteinformationen, weiter zum Glatzer Schneegebirge und dem Reichensteiner Gebirge bis hin zum Altvatergebirge. Der Kontrast könnte nicht größer sein, als sich am vierten Reisetag die Mährische Pforte vor mir ausbreitet. Wo erst dichte Wälder den Weg säumen, erstreckt sich nun eine weite Ebene. Das Landschaftsbild wandelt sich: Die dunklen Schatten der Sudetenwälder weichen einem Mosaik aus Feldern und Wiesen, durchsetzt vom leuchtenden Rot der Mohnblumen, die wie kleine Farbkleckse die grüne Landschaft schmücken. Im Herzen dieser natürlichen Passage zwischen Sudeten und Karpaten liegt Ostrava am Oberlauf der Oder. Als bedeutender Industriemotor von Österreich-Ungarn und späteres „Stahlherz“ der Tschechoslowakei präsentiert die Stadt heute ihre industrielle Vergangenheit in Form beeindruckender Denkmäler. Stillgelegte Hochöfen ragen wie stumme Relikte einer verstrichenen Epoche in den Himmel, ein faszinierendes Ziel entlang des Radwegs. Die Route wendet sich dann ostwärts durch die Mährisch-Schlesischen Beskiden. Wieder türmt sich ein neues Massiv auf. Von dort führt der Reiseweg zum Fluss Waag, der das Tor zur Slowakei öffnet. Den Eingang zur Kleinen Fatra dominiert die beeindruckende Burg Strečno. Sie bewacht diesen bedeutenden Fluss des Karpatenbeckens, dessen Lauf sich auf vierhundert Kilometern erstreckt.
Zur Reisemitte folgt meine Zitterpartie durch die Veľká Fatra. Zwischen Gewittern und Regengüssen überquere ich den ausgesetzten Bergkamm. Ein Panorama-Schild auf 1574 Metern Höhe zeigt, welch grandiose Aussicht ich bei klarem Wetter hätte. Bei der Abfahrt öffnet sich kurz der Blick in die nebelverhangenen Täler – ein magischer Moment, wenn die Wolkenfetzen zwischen den bewaldeten Hängen tanzen und die verschiedenen Grüntöne der Vegetation wie durch einen Schleier schimmern. Der durchweichte Schotterweg windet sich in engen Kehren den Berghang hinab. Oft schiebe ich das Rad – denn bei einem Sturz findet mich hier so schnell niemand. Dann setzt der Starkregen ein. Im Tal angekommen flüchte ich für zwei Stunden ins Restaurant Koliba pod Vlkolíncom. Die Kellnerin serviert das slowakische Gericht „Šúľance s makom“, Kartoffelnudeln mit Mohn bestäubt. Zum Wärmen von Körper und Seele gibt es eine Kanne Tee. Der nächste Anstieg führt hinauf nach Vlkolínec. Das Dorf scheint direkt aus einem nostalgischen Märchenfilm herausgepurzelt zu sein. Als ich mein Rad die Dorfstraße hinaufschiebe, regnet es erneut. Das UNESCO-Weltkulturerbe thront wie eine Zeitkapsel auf einem sanften Hügel. Die traditionellen Holzhäuser mit ihren kunstvoll bemalten Fassaden und den charakteristischen Schindeldächern bewahren ein Stück slowakische Geschichte. Zwischen den Häusern blühen üppige Rosenstöcke in zartem Rosa, und in den Blumenkästen leuchten karmesinrote Geranien – ein malerischer Kontrast zu den dunklen Holzfassaden.
Wie im Märchen
Am frühen Nachmittag spiegelt sich die Sonne im Liptovská Mara Stausee. Darüber stehen in der Ferne die Gipfel der Niedrigen Tatra. Die markierte Radroute schlängelt sich am südlichen Fuß der Hohen Tatra entlang. Immer wieder kreuzen Wanderwege, die tief in das Gebirgsmassiv führen. Daneben tosen Bäche zu Tal. Ich schiebe mein Bike über glitschige Holzbrücken, dann öffnet sich eine riesige Blumenwiese. In der Abenddämmerung erreiche ich nach 104 Kilometern und 1920 Höhenmetern eine Pension. Wie im Märchen Hänsel und Gretel versteckt sie sich tief im Wald. Die Besitzerin reicht mir einen Willkommenstrunk. Auf der gelben Flasche steht: Tatratea 57 Prozent. Puh – was für eine Etappe! Am nächsten Tag ziehe ich gegen den Uhrzeigersinn um die Hohe Tatra. Wieder verwandelt der Regen die Fahrt in ein Geduldsspiel. Wie die Gipfelpartien aussehen, bleibt der Fantasie überlassen. Der Blick fokussiert sich auf den Wald, die Gedanken auf die Tiere darin.
Erst am Dunajec-Durchbruch taucht die Sonne den Osten Europas wieder in goldenes Licht. Hier packt das Pieniny-Gebirge den Fluss in seine Zange und presst ihn durch eine Schlucht mit dreihundert Meter hohen Kalksteinfelsen. Die letzten sechs Etappen führen durch den Südosten von Polen. Ich verliere nun das Zeitgefühl und es ist, als wollten die Berge kein Ende nehmen. Immerzu geht es rauf und runter. Wahrzeichen der dünnbesiedelten Region sind die historischen Holzkirchen. Insgesamt sechzehn dieser Architekturjuwelen gehören zum UNESCO-Weltkulturerbe – je acht in Polen und der Ukraine. Ihre markanten Zwiebeltürme und die traditionelle Blockbauweise erzählen fünfhundert Jahre alte Geschichte.
Żubracze markiert den Startpunkt der vorletzten Etappe. Sanft auf und ab führt der Weg durch die wilden Karpatenforste. Erstaunliche Pilzkolonien zieren die mächtigen Buchen am Wegesrand. Durch die Dörfer Ustrzyki Dolne und Czarna Górna schlängelt sich der Pfad nach Jureczkowa.
Wilde Karpaten
Die Wildflüsse Wetlina und San verzaubern mit ihrer Kraft. Ihre braunen Wasser schneiden durch die grüne Berglandschaft. Im Flussbett formen schräge Sedimentschichten ein gigantisches Fischgrätmuster – Zeugen der Karpatenauffaltung vor Millionen Jahren. Majestätisch spannt die Gebirgskette ihren Bogen bis nach Rumänien. Hier warnen Schilder vor Bären und Wisenten. Und tatsächlich berichtet ein Radler von einer Bärensichtung in der Dämmerung. Mir begegnen glücklicherweise nur Hasen, Rehe und ein Fuchs. Eine überwältigende Landschaft entfaltet sich: Saftige Bergwiesen leuchten zwischen bewaldeten Höhen, übersät mit gelben Butterblumen und weißer Schafgarbe. Ich erreiche das östliche Ende der EU. Hier, kurz vor der Ukraine, schwenkt die Schotterpiste nach Norden. In dieser einsamen Region finde ich Quartier im Volf Camp. Der Besitzer begrüßt mich freundlich mit seinem Hund Texas.
Während ich durch diese friedliche Natur radle, tobt wenige Kilometer entfernt in der Ukraine der Krieg. Nach vierzehn Tagen, drei Ländern und zahllosen Gebirgszügen endet die Radtour am Bahnhof von Przemyśl. Das hektische Treiben reißt mich aus meinen Bergträumen. Wo ich Abenteuer suchte, erbeten andere Zuflucht. Am Bahnsteig warten Frauen und Kinder mit schweren Koffern auf den Zug nach Westen. Aus meinem „Go East!“ wird ihr „Go West!“. Die Karpaten zeigten mir ihre friedliche Seite – diese Menschen haben die andere Seite erlebt.
Download
| Name | Größe |
|---|---|
| GPX-Track zur Tour | 8.54 MB |