Eine Wanderin mit Rucksack steht vor den markanten, felsigen Drei Zinnen in einer teils verschneiten Berglandschaft unter blauem Himmel.
Unverstellter Drei Zinnen-Blick: So einsam ist's hier selten. Foto: Michael Pröttel
Bergherbst am Lago di Misurina

Steiles Saisonfinale

Drei Klettersteige und eine Runde um die Drei Zinnen: Die Dolomiten sind die perfekte Gegend für einen gebührenden Abschluss der Sommersaison.

„Wir empfehlen Ihnen, morgens anzureisen, um eine Chance auf einen Platz zu haben. Da wir ein sehr kleiner Campingplatz in einer äußerst beliebten Gegend der Dolomiten sind, sind wir oft komplett ausgebucht.“ Die Ansage auf der Homepage von „Camping Alla Baita“ ist genauso unmissverständlich, wie logisch. Schließlich liegt der Platz nur wenige Meter entfernt vom hübschen Lago di Misurina. Und dieser wird wiederum von den gewaltigen Bergen der Cristallo-Gruppe, den Felszinnen der Cadini di Misurina und von der „Mutter aller Dolomiten-Hotspots“, den berühmten Drei Zinnen eingerahmt.

Im Herbst zeigt sich die Dolomiten-Region von ihrer vielleicht schönsten Seite. Foto: Michael Pröttel

Umso erstaunter sind Jana und ich am ersten Tag unseres verlängerten Wochenend-Trips als am Ausgangspunkt zum Monte Cristallino di Misurina kein anderes Auto steht. Schon klar. An einem Donnerstag kann nicht jede*r auf Bergtour gehen. Andererseits ist Mitte Oktober. Eine Zeit, in der sich nicht nur das UNESCO Weltnaturerbe Dolomiten von seiner vielleicht schönsten Seite zeigt. Allerdings muss man zu dieser Jahreszeit eine eventuelle Schneelage gut im Blick haben. Dank der Webcam der Drei Zinnen Hütte konnten wir uns aber zuhause vergewissern, dass der Frühwinter in den Sextner Dolomiten nur ganz zart vorbeigeschaut hat.

Grandioses Felsambiente am Monte Cristallino

Und das ist gut so. Schließlich haben wir für unseren Sommersaison-Abschluss schwindelerregende Klettersteigtouren ins Auge gefasst. Das erste der drei anvisierten Ziele fällt noch nicht so richtig in diese Kategorie. Denn das Stahlseilversicherte Stück ist im Vergleich zur ganzen Tour auf den Monte Cristallino vergleichsweise kurz. Es wurde im Jahr 2021 grundlegend erneuert, nachdem der Aufstieg über den „Sentiero dei Baraccamenti“ aus dem Ersten Weltkrieg über viele Jahre hinweg verfallen und offiziell nicht mehr gesichert war. Da der neue, bestens eingerichtete Steig nicht über die Schwierigkeit B hinausgeht, bleiben unsere Klettersteigsets im Auto. Was angesichts unserer alpinen Erfahrung durchaus vertretbar ist. Diese Erfahrung können wir auch auf dem weiteren Gipfelanstieg gut gebrauchen. Ausrutschen ist auf dem schmalen, teils Geröllbedeckten Steig im Steilgelände absolut verboten.

Mutterseelenallein gewinnen wir in grandiosem Felsambiente zügig an Höhe und kommen etwa einhundert Höhenmeter vor dem Gipfel an verfallenen Kriegsunterständen vorbei. Denn der Berg war im Ersten Weltkrieg ein strategisch wichtiger Punkt der Dolomitenfront. Dass die bedauernswerten Soldaten vom grandiosen Blick auf die Drei Zinnen genauso beeindruckt waren wir, ist eher unwahrscheinlich. Angesichts der, gerade im Winter unerträglichen Lebensbedingungen werden sie keine Muße gehabt haben, die Aussicht zu genießen.

Cima Cadin: Raus aus der Komfortzone

Nach einer ruhigen Nacht am wenig frequentierten Wohnmobil-Stehplatz Misurina steht an Tag zwei die Cima Cadin auf dem Programm. Durch ein genauso schattiges, wie schönes Kar steigen wir zum Rifugio Fonda Savio auf. Schon von weitem machen die geschlossenen, blauweißen Fensterläden klar, dass hier kein Cappuccino mehr zu kriegen ist. Dafür gibt es endlich wärmende Sonnenstrahlen und einen noch besseren Drei Zinnen-Blick als am Vortag.

Als Plaisir-Variante könnte man von hier die schöne Rundtour über die Forcella de la Neve unternehmen. Jana und ich wollen und werden aber kurze Zeit später jegliche Komfortzone verlassen. Und zwar selbstverschuldet. Voller Übermut haben wir unsere Klettersteigsets wieder im Tal gelassen. Schließlich wird die „Ferrata Merlone“ als eine Abfolge von Stahlleitern beschrieben. Dass diese in den 1960er Jahren errichtete Sprossen-Parade aber dermaßen endlos, senkrecht und ausgesetzt ist, hatten wir nicht erwartet. Nicht nur einmal stockt uns beim Steilaufstieg der Atem. Gleichzeitig frage ich mich immer wieder, ob das hier noch etwas mit Bergsteigen zu tun hat. Hat es! Und zwar spätestens dann, wenn die angeblich mehr als dreihundert Leitersprossen enden und es über ein Geröllband und eine kurze Felsrinne zum höchsten Punkt hinauf geht. Unsere Gipfelpause fällt eher kurz aus. Wir wollen den Abstieg möglichst schnell hinter uns bringen. Dieser gestaltet sich dann (wie so oft) deutlich entspannter als erwartet. Zumal uns nicht der geringste Gegenverkehr begegnet… den man am Merlone-Klettersteig nicht wirklich gebrauchen kann.

"Innerkofler": Beliebtester Klettersteig der Dolomiten

Am nächsten Morgen sind wir am 2333 Meter hoch gelegenen Drei Zinnen-Parkplatz natürlich alles andere als allein. Schließlich ist Samstag und es herrscht stabiles Bergwetter. Gerne wären wir mit dem öffentlichen Bus hinaufgefahren. Aber der macht genauso wie das nebenan gelegene Rifugio Auronzo bereits Winterpause. Am Südfuß des berühmten Fels-Dreigestirns geht es über den Paternsattel in Richtung Drei Zinnen Hütte. Und obwohl wir vegetarisch leben, zweigen wir kurz davor rechts zum „Frankfurter Würstel“ ab. Die markante Felsnadel ragt direkt vor Beginn des Paternkofel-Anstiegs in den stahlblauen Herbsthimmel.

Wenige Meter später verschwinden wir in die Dunkelheit. In dem folgenden, hunderte Meter langen Kriegsstollen können wir unsere Stirnlampen sehr gut gebrauchen. Nach einer halben Stunde gelangen wir wieder ans Tageslicht sowie zur Erkenntnis, dass die Mitnahme von Spikes keine schlechte Idee war. Am Beginn des Innerkofler Klettersteigs liegt nämlich harter Altschnee. Dieser weicht ab der Gamsscharte von der Sonne erwärmtem Fels, an dem man keine losen Tritte befürchten muss. Schließlich handelt es sich beim „Innerkofler“ um einen der beliebtesten Klettersteige der gesamten Dolomiten. Von daher ist es ein Geschenk, dass wir das grandiose Gipfelpanorama heute mit gerade einmal acht anderen Bergsteiger*innen teilen. Und auch beim Abstieg fallen die, an Wochenenden häufigen Staumeldungen glücklicherweise aus. Entsprechend früh erreichen wir über Felsbänder die Passportenscharte und über weitere Kriegsstollen wieder den Paternsattel. Darüber, dass wir als krönenden Horizontal-Abschluss unseres Dolomitenausflugs noch die Drei Zinnen umwandern, müssen Jana und ich nicht lange diskutieren.

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