Mit großer Vorfreude breche ich auf in die Tauern, habe aber gleichzeitig Angst davor, wieder in dieses Vergrößerungsglas des Klimawandels zu blicken. Ich bin Augenzeuge dieses Wandels, mit dreiundsechzig habe ich miterlebt, wie drastisch sich die Alpen verändert haben. Kenne aus der Kindheit Schotterflanken, auf denen jetzt Gras wächst, habe Eiswände geklettert, die verschwunden sind. Wie wird sich das diesmal anfühlen? Sei’s drum, in jedem Fall freue ich mich auch auf meinen Best Buddy Bernd Ritschel, den ich heute treffen werde. Er ist seit vorgestern unterwegs, die ersten zwei Etappen verpasse ich also leider ... genauso wie einen Anschluss nach dem anderen, weil mein Zug schlappe drei Stunden Verspätung hat, und das hängt ja schon irgendwie zusammen: der Klimawandel und diese Wurschtigkeit, mit der man in unserer Automobilnation den Niedergang der Bahn in Kauf nimmt. Wegen der Verspätung kann ich den Weg nicht mit den Öffis fortsetzen, weil es sonst dunkel wird, und bestelle ein Taxi zum Gößkarspeicher bei Gmünd im Maltatal.
Allein geht es Richtung Gießener Hütte, die Schönheit der Landschaft umfängt mich. Aber in meiner notorischen Arroganz als ehemaliger Extrembergsteiger nehme ich die Ostalpen ja nie richtig ernst. Jetzt habe ich keinen Empfang – und weder vorher die Karte heruntergeladen noch eine aus Papier dabei. Wie blöd kann man sein? Anfangs ist es etwas mager markiert, wenn ich mich verfranze, wird es am Ende doch noch dunkel ... müsste aber stimmen hier, uff, ja stimmt.
Bernd sitzt wie vereinbart in der gut besuchten Hütte und schwärmt von seiner heutigen – zweiten – Etappe: Von der Reißeckhütte ist er über Rieckentörl, Zwenberger Scharte und Zwenberger Törl hierher marschiert. Normalerweise braucht man sieben Stunden, aber es gab so viele Bergseen für sein Bildbandprojekt „Das Wasser der Alpen“ zu fotografieren, dass er heute schlappe zwölf Stunden auf den Beinen war. Am liebsten hätte er zwischendrin auf der unbewirtschafteten Mooshütte übernachtet, aber – er war ja mit mir verabredet.
Die morgige Etappe über die Lassacher Winkelscharte zur Osnabrücker Hütte dauert laut Bernd elf Stunden plus Zeit für die Fotos. Er hat mir neulich alles geschickt, ich habe es mir natürlich nicht so genau angeschaut (trau mich aber nicht, es ihm zu sagen). Sind ja nur die Ostalpen. Und wenn er heute zwölf Stunden unterwegs war, pah, dann wird das sicher halb so wild.
Der Weg Richtung Winkelscharte windet sich in steilen Kehren durch wildschönes, karges Niemandsland.
Um vier Uhr geht der Wecker, eigentlich völlig gaga, aber als Fotograf will er nun mal beim allerersten Licht unterwegs sein, da gibt es nichts zu rütteln. Hüttenwirt Erwin Zuzak steht extra für uns auf und richtet das Frühstück. Der Mann war früher Tauchlehrer, seine Frau ist aus Thailand, jetzt machen sie das hier. Im Winter, wenn die Hütte zu hat, leben sie in Schwedisch-Lappland – welch ein Lebensentwurf.
Der Weg Richtung Winkelscharte windet sich in steilen Kehren durch wildschönes, karges Niemandsland, ein bisschen Gras gibt es noch für Schafe und Gämsen, die sich friedlich Seit’ an Seit’ die paar Halme teilen. Bernds Enthusiasmus beim Fotografieren ist ansteckend wie immer und dazu kommt: Wenn ein Profi einen fotografiert und der Auslöser rattert, fühlt man sich irgendwie wichtig – und schön noch dazu.
Nach siebenhundert Höhenmetern stehen wir auf der Winkelscharte, nach rechts geht es hinauf zur Hochalmspitze, bevorzugtes Tourenziel von der Gießener Hütte. Da wir so irre früh gestartet sind, ist jedoch weit und breit kein Mensch zu sehen. Das wird den ganzen langen Tag noch so bleiben. Auf der Rückseite der Scharte müssen wir hinab und schaffen es, die riesigen roten Zeichen zu übersehen, die zur nagelneuen Steiganlage weisen und davor warnen, ebenjene brüchige Rinne zu nehmen, in der prompt ein Felsbrocken neben uns einschlägt, groß wie ein Autoreifen.
Bergsteigerdorf Maltatal
Das Maltatal liegt in Kärnten am östlichen Rand der Hohen Tauern. Durch den breiten Talboden fließt der gleichnamige Fluss, darüber ragen die hohen Zwei- und Dreitausender der Ankogelgruppe in den Himmel. Höchster Gipfel ist die Hochalmspitze (3360 m), auch als „Tauernkönigin“ bekannt. Die Bergwelt rund um das Tal ist weder durch Bergbahnen noch große Hotelanlagen erschlossen und bietet stattdessen viel Ursprünglichkeit. Im Sommer locken Wanderwege, Hochtouren und Klettergärten. Im Winter findet man hier einen der bekanntesten Eiskletterspots der Alpen. Viele zieht es über die Hochalmstraße an die Kölnbreinsperre, Österreichs höchste Staumauer am gleichnamigen Speichersee. Für deren Bau in den 1970er Jahren wurde der damalige Status eines Naturschutzgebiets aufgehoben. Nachdem man 1986 die Ankogelgruppe in den Nationalpark Hohe Tauern eingliederte, erwarb der ÖAV zwei Jahre später mit Unterstützung des Stuttgarter Bergsteigers Heinz Roth die gesamte Ostseite der Hochalmspitze, um sie vor weiterer Erschließung zu schützen.
Ein wunderschöner Saumpfad quer durch endlose grüne Hänge bis zur Celler Hütte lässt die einsetzende Müdigkeit vergessen.
Kurz darauf öffnet sich dieses Kanonenrohr, wir entdecken den blitzblanken, neuen Klettersteig, den wir oben verpasst haben. Unten im flacheren Gelände müssen wir über kippelige Blöcke, ganz so schwungvoll geht das in unserem Alter nicht mehr, egal, wir sind wieder in Sicherheit. Vor uns liegt ein schmaler, wunderschöner Saumpfad quer durch endlose grüne Hänge bis zur Celler Hütte, er lässt die einsetzende Müdigkeit vergessen: was für eine unglaublich wilde Gegend. Allein der Blick zurück gen Winkelscharte gemahnt mal wieder an den Klimawandel: Eine Kette von Zwei- und Dreitausendern zieht von der Hochalmspitze nach Südwesten, an den felsigen Nordseiten sieht man überall die hellen Spuren frischer Bergstürze. Wobei mich schon lange die Frage umtreibt, wie es den Menschen im Tal und der alpinen Landwirtschaft ergehen wird, wenn in Zukunft Schnee und Eis das Wasser nicht mehr speichern, sondern der ganze Niederschlag dann einfach abfließt. Braucht man dann nicht mehr Staudämme zur Speicherung, so grausam sie auch die bestehende Ökologie zerstören?
Mit diesen düsteren Gedanken und auf dem Zahnfleisch erreichen wir nach sechs Stunden die Celler Hütte – ein Juwel von einem Selbstversorgerstützpunkt. Wir sind so erschlagen, dass wir sofort eine Mütze Schlaf nehmen: Bernd hat die gestrige Etappe in den Beinen, ich komme direkt von einem Bergdreh am Eiger, unsere knapp kalkulierte Verpflegung ist alle – nach der Hälfte der heutigen Etappe. In der Hütte liegen ein paar abgelaufene Reste, ich koche eine Tütensuppe und esse eine Handvoll Zuckerwürfel.
Großelendscharte heißt das nächste Teilziel auf dem Weg zur Osnabrücker Hütte, auweia: Wo Großelend draufsteht, ist in unserem Zustand sicher ganz viel Elend drin. Aber der schmale Weg selbst ist ein Traum, all die Gräser, Blumen und Latschen leuchten in der Spätsommersonne. Sollte ich einmal als Gams oder Murmeltier wiedergeboren werden – und können wir das am Ende ausschließen? –, dann bitte genau hier.
Dann wird es steinig, wir müssen Ausschau halten nach Steinmännern und Markierungen, aber mit etwas Erfahrung findet sich das gut. Und oh, wie sind die Beine jetzt schwer. Kurz nach der Scharte muss die Osnabrücker Hütte kommen, man sieht aber nichts, es hat zugezogen und es nieselt. Dann reißt es auf, wir sehen ganz weit unten, klein wie ein Spielzeug: eine Hütte. „Okay, wo ist die Osnabrücker Hütte“, frage ich, „die da kann’s nicht sein, die ist viel zu weit weg.“
Wir sind seit neun Stunden unterwegs, es regnet jetzt in Strömen und die Erschöpfung ist unermesslich.
„Das ist die Osnabrücker Hütte, Malte“, schenkt Bernd mir reinen Wein ein und tatsächlich seinen letzten Riegel. Das ist ja oft das Schöne, wenn es hart wird: dass man so nett ist zueinander. Der Weg war durchgehend wunderschön, aber auch immer ein Steig, auf dem jeder, wirklich jeder Schritt Balance und Aufmerksamkeit verlangt. Wir sind seit neun Stunden unterwegs, es regnet jetzt in Strömen und die Erschöpfung ist unermesslich. Ich bin in dem Zustand, der mir in jungen Jahren auf meinen extremen Routen ebenso gewohnt wie unheimlich war: Ich gehorche den Gegebenheiten, ohne Widerspruch und ohne Mitleid mit mir selbst, ein Stadium, in dem du mit den letzten Reserven erstaunlich weit kommst, allerdings auch keinerlei Freude mehr empfindest.
Nach elf Stunden erreichen wir die Hütte und schlagen uns beglückt die Bäuche voll. Am nächsten Tag geht es einen breiten und bequemen Weg hinab zur Kölnbreinsperre und von da mit dem Bus nach Gmünd. Es ist einer der schönsten Höhenwege, die wir je gegangen sind. Man durchquert die Landschaft wie ein großes Meer und taucht fast noch schöner in die Wildnis ein als an einer großen Wand. Mit einer zusätzlichen Übernachtung in der so grandios gelegenen Celler Hütte wäre die Tour perfekt gewesen – so war es eine Überdosis. Dafür ist meine Überheblichkeit gegenüber den Ostalpen endgültig kuriert und der nächste Höhenweg mit Bernd wird bereits geplant – sorgfältiger als dieses Mal.