Ein älterer Mann mit Klettergurt hängt an einer Kletterwand, im Hintergrund sind der Kölner Dom und die Hohenzollernbrücke zu sehen.
Fast wie am Fels: Klettern an der Kölner Hohenzollernbrücke. Foto: DAV Rheinland-Köln/Simone Szymanski
Klettern im urbanen Raum

Berge, Beton und Backstein

„Draußen ist anders“ lautet der Titel der DAV-Kampagne, die auf die Besonderheiten des Felskletterns in Sachen Naturschutz (Achtung: Tiere und Pflanzen!), Sicherheit (Achtung: Felsqualität und Absicherung!) und Technik (Achtung: zusätzliche Sicherungstechniken!) aufmerksam macht. Doch dem Ruf nach diesem „Draußen“ folgen viele gar nicht. Im Laufe der Jahre hat sich der Sport aus der Natur herausgelöst, Klettern am künstlichen „Fels“ steht heute in erster Linie für sich.

Allen, die eher drinnen, städtisch oder stadtnah unterwegs sind, stehen Kletteranlagen zur Verfügung, laut DAV-Datenbank mittlerweile fast sechshundert in Deutschland, davon 232 in Trägerschaft des Alpenvereins. Die ersten DAV-Kletterhallen wurden 1992 in Berchtesgaden und Peißenberg gebaut – und damit in unmittelbarer Nähe zu den Bergen. Inzwischen ist das Angebot vielfältig: vom bunten Boulderblock vor dem Vereinsheim bis zum imposanten In- und Outdoor-Spielplatz in München-Thalkirchen. Doch Klettern kann auch gerade dort spannend sein, wo es eigentlich nicht hingehört. Es muss nicht der Wolkenkratzer in Taiwan sein, den sich Alex Honold im Free Solo vorgenommen hat.

Außergewöhnlich ist auch die Klettererfahrung auf dem ehemaligen Industriegelände im Landschaftspark Duisburg-Nord: „Die unterschiedlich steilen Wände und die erhalten gebliebenen Türme des Hüttenwerks eignen sich wunderbar zum Klettern und schaffen eine einmalige Atmosphäre. Der Bau unserer Kletteranlage war jedoch mit harter Arbeit verbunden. Zu Beginn musste jede Kletterroute, die eingerichtet werden sollte, mit Drahtbürste und Staubmaske von Erz, Koks und sonstigen Überresten gereinigt werden. Heute lassen ein Klettersteig und über 850 Klettertouren mit Namen wie ‚Keine Kohle mehr im Pott‘ oder ‚Duisburger Wanderweg‘ keine Kletterwünsche offen“, erzählt Horst Neuendorf von der Sektion Duisburg.

Ehemalige Industrieanlagen werden zu Kletterzentren, alte Bunker verwandeln sich in einzigartige Kletterspots, Routen werden an (freistehenden) Brückenpfeilern geschraubt wie in Köln, Bad Cannstadt oder Waldaschaff. Der Vorsitzende der Sektion Rheinland-Köln Kalle Kubatschka erinnert sich: „Das ‚wilde‘ Buildering an der Hohenzollernbrücke war der Stadt lange ein Dorn im Auge. Unser damaliger Klettergruppenleiter konnte 1998 nach einiger Überzeugungsarbeit einen Vertrag mit der Stadt über die Nutzung der Brücke abschließen und so ein Kletterverbot verhindern. Die rund siebzig Routen sind zu den Öffnungszeiten stets gut besucht.“ Speziell ist sicherlich auch die Nutzung ausgedienter Kirchen als Kletterhallen oder Vereinszentren. Die Sektionen Pirna und Wiesbaden gehen hier mit gutem Beispiel voran. „Vor knapp zehn Jahren wurde uns die entweihte Hospitalkirche angeboten, nachdem wir unsere Kletterwand in der Schulsporthalle aufgeben mussten. Bis heute wird sie rege fürs Training genutzt. Künftig wollen wir die Kirche auch vermehrt für Vereinstreffen und Veranstaltungen nutzen“, berichtet Gunter Thar von der Ortsgruppe Pirna des Sächsischen Bergsteigerbunds. In alten Industrieanlagen bauen sich nicht wenige Sektionen eine Heimat auf, neben Duisburg auch zum Beispiel in Kaufbeuren oder Dessau.

Die Geschichte aus Kaufbeuren ist in mehrerlei Hinsicht vorbildlich. Wie Ralf Trinkwalder, Erster Vorsitzender der Sektion, erklärt, hatte „die Nutzung des alten Klärwerks den Vorteil, dass wir uns die Dämmung sparen konnten – die beiden Faultürme waren eh doppelwandig ausgelegt, um den Gärprozess nicht zu unterbrechen."

Industrie-Tristesse vor dem Bau des Kletter- und Vereinszentrums in Kaufbeuren. Foto: DAV-Sektion Kaufbeuren-Gablonz/Walter Kolb

"Was mich persönlich aber am meisten begeistert: Dieses Kletterzentrum umzusetzen, war nur durch die Fusion zweier Sektionen – Kaufbeuren und Gablonz – möglich, die sich geografisch zwar nah waren, ansonsten aber emotionale Vorbehalte gegenüber dem anderen hatten.“ Die Sektion Gablonz stammt ursprünglich aus dem alten Gablonz an der Neiße in der heutigen Tschechischen Republik. Sie fand nach dem zweiten Weltkrieg eine neue Heimat in dem Ortsteil Neugablonz in Kaufbeuren. "Die Fusion der beiden Vereine war die erste richtig spürbare Annäherung von Kaufbeuren und Neugablonz", erzählt Ralf Trinkwalder. "Es war ein Zeichen und eine Versöhnung der ganzen Stadt: Wir haben 45.000 Einwohner, unsere Sektion 6.700 Mitglieder." Und die Sektion hat sich nicht nur um die Kletterfans gekümmert: Das Areal um die ehemalige Kläranlage wurde zu einem Freizeitpark mit Skate-Area, BMX-Strecke, Volleyball-, Fußball-, Basketballplatz und Spielplatzbereich umgebaut. 

Industrieromantik pur

Viele dieser Bauten haben einen besonderen Charme. Der Geist vergangener Epochen ist mancherorts noch ganz lebendig. Wo früher Arbeit war, ist heute Kultur und Sport – und nicht zuletzt Vergnügen. Andererseits: Ist Klettern nicht auch mal harte Arbeit, bei der es staubt und scheppert – und man sich aufs Feierabendbier freut? Bezeichnen­derweise wurde 2006 die erste Kletterhalle Sachsen-Anhalts in der früheren Schultheiss-Brauerei in Dessau eröffnet.

Wunderschöne historische Backsteinfassade der alten Brauerei in Dessau. Foto: Foto. Bergfreunde Anhalt Dessau e.V.

„Der ehemalige Zuckerturm der Brauerei bot einfach perfekte Voraussetzungen mit möglichen Routen bis zwanzig Meter Höhe. Um den Bau zu stemmen und Fördermittel zu akquirieren, haben wir damals extra die IG Klettern Dessau gegründet. Dieses Jahr feiert unser Kletterzent­rum zwanzigjähriges Jubiläum und ist beliebt wie eh und je“, erzählt Volker Bretschneider, Zweiter Vorsitzender der Sekti­on Bergfreunde Anhalt Dessau und Initiator des Projekts.

Klar: Klettern ist ein Sport der Berge. Aber schon lange suchen sich Kletter*innen Trainingsmöglichkeiten vor der Haustür. Erste Kletterbrocken aus Beton entstanden in den 1970er Jahren, wie zum Beispiel der Berliner Turm auf dem Teufelsberg. Und selbst alpennah werden zum Beispiel mit der „Riesigen Rosi“ in ei­ner Münchner Unterführung Möglichkeiten zum Bouldern geschaffen. Die Angebote stehen längst für sich, sind nicht zuletzt Treffpunkte für Gleichgesinnte, entlasten ein Stück weit die Natur und sparen manche Autofahrt zu entfernten Kletterfelsen. Für den Alpenverein sind Kletteranlagen „Berge in metaphorischem Sinn“, wie es im Grundsatzprogramm Bergsport heißt. Ja, draußen ist anders. Aber Klet­tern am künstlichen Fels ist auf seine ei­gene Art faszinierend – wie auch die vie­len Orte, an denen es stattfindet.

Alle DAV-Kletterhallen und mehr gibt es in der Kletterhallensuche.

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